Gespräch zwischen Daniela von Wels und E. Brockmann zur freien Trauung

Daniela von Wels: Was reizt Dich an Deiner Arbeit mit Brautpaaren?

Elisabeth Brockmann: Es sind Menschen, die sich Gedanken machen. Paare, die sich lieben und nicht nur wegen der Steuer heiraten. Sie wollen die Eheschliessung nicht bloss schnell hinter sich bringen, sondern sich vor ihren Freunden und Angehörigen zueinander bekennen.  Sie lassen sich aber auch nicht einfach von der kirchlichen Tradition leiten, sondern machen sich ihre eigenen Gedanken. Deshalb ist das Gespräch mit diesen Paaren immer spannend und aufschlussreich.

DvW: Sind alle Paare sympathisch? Oder hast Du auch schon mal ein Paar abgelehnt?

EB: Nur ein einziges Mal.

DvW: Warum?

EB: Da hat der Mann die Braut schon beim ersten Gespräch so schlecht behandelt, dass ich mir gar nicht vorstellen wollte, wie das nach der Hochzeit wird. Deshalb habe ich die Trauung abgelehnt.

DvW: Aber sonst stimmt die Chemie immer?

EB: Das ist für mich nicht unbedingt eine Frage der Chemie. Vielmehr gehört es zur Professionalität, mit allen möglichen Persönlichkeiten umgehen zu können, ganz unterschiedliche Vorstellungen zuzulassen und daraus etwas zu machen, das zu dem Brautpaar passt.

DvW: Liegen Dir Paare mit spirituellem oder religiösem Hintergrund mehr als zum Beispiel beinharte Atheisten?

EB: Auch da habe ich den professionellen Anspruch an mich, mit allen Weltanschauungen so umzugehen, dass sich das Paar am Ende in der Zeremonie wiedererkennt und etwas davon hat. Entscheidend ist, dass die Brautleute in der Zeremonie ganz bei sich sein können, dass sie keine Rolle spielen müssen, um Oma oder Onkel zu gefallen oder irgendwelche Ansprüche zu erfüllen, mit denen sie sich nicht identifizieren können.  Das ist der Sinn der freien Trauung.

DvW: Sehen das eigentlich die Angehörigen der Paare auch immer so? Oder sind die doch oft eher skeptisch gegenüber dieser Form der Eheschliessung?

EB: Es gibt durchaus Skepsis, vor allem bei älteren Leuten. Das versuche ich in den Vorgesprächen herauszuhören, manchmal frage ich auch direkt nach. Denn dann kann ich die Zweifler von Anfang an berücksichtigen und mit einbeziehen. Ich finde das ganz verständlich, wenn jemand sein Leben lang in einer bestimmten Tradition gelebt hat, dass er dann nicht Hurra schreit, wenn die Enkelin zum Beispiel nicht in der Kirche, sondern auf der grünen Wiese heiratet. Darauf versuche ich bewusst einzugehen.

DvW: Apropos Tradition: Wie sieht es denn mit den unterschiedlichen Kulturen aus?

EB: Da gilt das Gleiche: Ich versuche, die Unterschiede mit einzubeziehen. Es gab z.B. mal ein Paar, bei dem die Eltern des Bräutigams aus Polen kamen und tief katholisch waren und bei der Braut waren die Grosseltern aus Anatolien angereist, die Analphabeten waren. Ich gehe vor der Trauung immer ein bisschen unter den Gästen herum, und da habe ich in diesem Fall gespürt, dass sie mich mit grossem Misstrauen beäugten. Ich habe dann die Zeremonie mit einer – vorher auswendig gelernten – türkischen und einer polnischen Begrüssung eröffnet, und sofort war das Eis gebrochen. Zur Zeit bereite ich mich auf eine persisch-deutsche Trauung vor, ich lerne also persisch – na ja, zwei Sätze.

DvW: Ist das eigentlich auch ein Reiz an Deiner Arbeit, die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Vorstellungen?

EB: Das könnte man meinen. Tatsächlich ist es aber so, dass jedes Paar, wirklich jedes anders ist, noch nie habe ich zwei ähnliche Paare getraut. Es ist also eher die Einmaligkeit der einzelnen Lebenswege, die sich in einer guten Zeremonie für alle spürbar verbinden. Das herauszuarbeiten macht dann in der Trauung die Dichte des Augenblicks, die Intensität, die das Ereignis unvergesslich macht.
Im Übrigen finde ich für die Unvergesslichkeit auch den Photographen wichtig. Der wird ja oft wie lästiges Beiwerk behandelt. Tatsächlich hat er aber eine wichtige Rolle, weil er im Bild festhält, was das Brautpaar vielleicht vor lauter Aufregung gar nicht alles so schnell fassen kann. Ich spreche deshalb vor der Zeremonie mit dem Photographen, wir überlegen zusammen, wo er sich in welcher Situation aufhalten will und passe zur Not meine Position seiner Perspektive an. Aus meiner künstlerischen Arbeit kann ich den Wert von guten Bildern einschätzen.

DvW: Was können denn die Brautpaare selbst dazu beitragen, dass es ein unvergessliches Ereignis wird?

EB: Je offener und entspannter sie zu den Vorgesprächen kommen, desto besser kann ich meine Arbeit machen. Die Vorbereitung der Hochzeit ist für viele Paare sowieso schon Stress genug, das brauchen wir für die Trauung nicht auch noch. Das Paar soll nicht nur die Zeremonie geniessen, sondern auch von der Vorbereitung etwas haben.

DvW: Was zum Beispiel?

EB: Dass sie ihre Beziehung noch einmal Revue passieren lassen. Meistens ist in der ersten Zeit der Verliebtheit sehr viel sehr schnell und oft auch überwältigend passiert. Das hat man dann vergessen. Erst ist es im Alltag untergegangen, und jetzt geht es im Vorbereitungstrubel unter. Dabei gibt es in jeder Beziehung Ereignisse und Entwicklungen, die es wert sind, in Erinnerung gerufen zu werden. So kann man sie auch später im Ehe-Alltag immer wieder nutzen. Darum geht es in den Vorbereitungsfragen, die jedes Paar von mir bekommt.

DvW: Klingt nach Arbeit.

EB: Aber vergnügliche Arbeit! Wenn Du hören könntest, wie viel bei den Gesprächen gelacht wird….

DvW: Müssen sich die Paare das denn dann alles für die Trauung merken?

EB: Um Himmels Willen! Das ist doch meine Aufgabe. Wir besprechen das alles zusammen, auch die Gestaltung und den Ablauf, aber wenn es dann soweit ist, fordere ich die beiden auf, alles zu vergessen und sich einfach fallen und von mir durch die Zeremonie führen zu lassen.

DvW: Und wenn was schiefgeht?

EB: Das sind oft die schönsten Augenblicke, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, dann löst sich nämlich meistens die Spannung in Heiterkeit auf. Ich habe schon viele „Pannen“ erlebt, von der laut schnatternden Entenschar, die sich unter die Gäste gemischt hatte, bis hin zum DJ, der die Schlussmusik verschlafen hat – es gab immer eine heitere Lösung.

DvW: Und noch eine Frage zum Schluss: Wie ist es mit gleichgeschlechtlichen Paaren?

EB: Erstaunlicherweise kaum anders als mit heterosexuellen. Warum auch?